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Wirtshausgeschichten und Stammtischgeschichten aus dem Fichtelgebirge

Wirtshausgeschichten
und Stammtischgeschichten
aus dem Fichtelgebirge

Fichtelgebirgs-Adler


Wie die Spinnerinnen bei ihrer eintönigen Arbeit merkwürdige Gedanken spannen, taten dies die Seeleute mit dem Seemannsgarn und die Jäger auf dem Hochstand mit ihrem Jägerlatein. So entstanden auch in den Wirtshäusern und an Stammtischen in Marktleuthen im Fichtelgebirge allerlei merkwürdige Geschichten, von denen niemand genau weiß, ob sie wahr sind oder nicht - wohl eher nicht. Oft wurden sie in der Ich-Form erzählt und auch die Kinder hörten begeistert zu. Hier eine davon, die der Kodischn-Heiner (Heinrich Kodisch) gern zum Besten gab:

Mit meinem Vater und einigen seiner Jägerkollegen saß ich im Gasthof zur Überbruck, als eine Gruppe Berliner Reisende ins Wirthaus kam, um zu essen. Lautstark unterhielten wir uns fantasievoll über unsere lukrative Adlerzucht. Da ich gerade von einem Behördengang aus der Kreisstadt zurückkam und entsprechend gut gekleidet war, prahlte ich damit, dass ich die Landwirtschaft bald an den Nagel hängen könnte, um mich lohnenderen Beschäftigungen zu widmen. Die Fichtelgebirgs-Adler wären sehr begehrt und brächten gutes Geld. Es dauerte nicht lange, bis die Berliner aufmerksam wurden und sich nach den Fichtelgebirgs-Adlern erkundigten. Wir beklagten uns darüber, dass wir zu viele Junge hätten und gar nicht alle großziehen könnten. Wie erwartet, boten die Gäste an, einige der Jungen zu erwerben und bei sich daheim großzuziehen. Auch über einen großzügigen Preis wurde man sich schnell einig. Einen Tag vorher waren bei uns Gluckala geschlüpft (junge Hühner und Hähnchen). Ich lief schnell heim, holte einige, und die Berliner zogen um einen schönen Batzen Geld erleichtert mit den jungen Fichtelgebirgs-Adlern im Gepäck weiter.

Viele Wochen später kam ein Einschreibe-Brief von einem Berliner Rechtsanwalt, in dem mir vorgeworfen wurde, die Leute betrogen zu haben. Die Adler fingen nämlich an zu krähen! Dass Adler das nicht tun, begriffen sogar die Berliner. Es drohte nicht nur Schadenersatz, sondern auch eine saftige Strafe wegen Betruges. In meiner Not wandte ich mich an den gescheitesten Mann, den ich kannte, unseren Tierarzt. »Das haben wir gleich«, sagte dieser und schrieb mir ein Attest über geistige Unzurechnungsfähigkeit, das wir mit einer entsprechenden Entschuldigung nach Berlin schickten. Offenbar klang es sehr überzeugend und mitleiderregend, da wir nichts mehr von dem Rechtsanwalt hörten und sogar das Geld nie zurückgefordert wurde.

Überliefert von Günter Kölle und Fritz Schricker, nacherzählt von Erwin Purucker






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