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Der Weg zum Friedhof

Als Hendrik Hobelsam, der Schreiner Darenwedes, eines abends vom Kegelschieben heim kam, traf er seine Frau nicht wie üblich keifend und zeternd an.

Verwundert suchte er sein Haus ab und fand sie friedlich im Bette liegend vor. Sie war sogar zugedeckt, nur eine Hand hing schlaff auf den Boden.

Als treu sorgender Ehemann hob Hendrik diese Hand empor und wollte sie auch unter die Daunendecke schieben, damit seine Gattin sich nicht erkälten möge. Doch als er die Decke lüftete um die Hand darunter zu schieben, durchfuhr Hendriks Körper ein frostklirrender Schrecken; - die Hand seiner Gemahlin, ebenso wie ihr Körper, waren kalt!

Zwar nicht eiskalt, aber kälter als sonst, wenn er aus seiner ungeheizten Werkstatt kam und seine müden Glieder unter der Bettdecke an ihren warmen Leib legte.

Hendrik Hobelsam sah keine andere Möglichkeit, als nach Doktor Jodstein, dem Landarzt zu Darenwede, zu rufen.

Der kam alsbald, bat Hendrik das eheliche Schlafgemach zu verlassen und einen Schnaps zu trinken, was dieser auch tat.

Derweil stellte der Arzt das Ableben Almatine Hobelsams fest und den Totenschein aus.

Da Hendrik Hobelsam ein rechtschaffender Mann war, erledigte er gewissenhaft alle Formalitäten, die erforderlich waren, seine Gemahlin mit Anstand unter die Erde zu bringen.

Er heizte sogar seine Werkstatt, eine Maßnahme, die ihm seine Gattin bislang verboten hatte, weil sie der Ansicht war, Brennstoff sparen zu müssen; - zudem würde sich ihr Gatte beim Sägen und Hobeln genügend warm arbeiten. Sollte er das nicht tun, sei er faul, und mit einem Faulpelz wollte sie nicht Tisch und Bett teilen.

In seiner nunmehr geheizten Werkstatt baute Hendrik der teuren Verblichenen einen Sarg; - nicht einen Solchen in traditioneller Hausdachform, sondern einen wunderschönen Truhensarg mit erhöhtem Unterteil und doppelt aufgesetztem Deckblatt auf dem Oberteil.

Die Matratze in dem Sarg versah Hendrik Hobelsam mit einer Bespannung aus mattglänzender Baumwolle mit elastischen Fäden und er legte aus dekorativen Gründen ein Zierband aus Seide darum.

Als Henriette Blütenschön, die Schwester des Gärtners zu Darenwede, den Blumenschmuck brachte, beschlich Hendrik Hobelsam ein bisher nie gekanntes Gefühl der Zuneigung. Als sich Henriette Blütenschön auch noch nieder beugte, um die am Boden liegenden Hobelspäne einzusammeln, quoll ihre weiße Pracht aus dem Mieder und Hendrik Hobelsam beschloss, das Trauerjahr abzuwarten und dann um die Hand der schönen Henriette anzuhalten.

Als die Trauerfeierlichkeiten absolviert waren, wurde der Sarg auf den Pferdewagen des Bestatters geladen, denn aus traditionellen Gründen wurden die Särge mit einem Pferdefuhrwerk auf einem Sandweg zum Friedhof gefahren.

Durch die unzähligen Schlaglöcher auf dem Weg zum Friedhof erlitt der Sarg ebensoviele Erschütterungen, und so löste sich der Sargdeckel und fiel polternd zu Boden. Als man ihn wieder auflegen wollte, ließ sich der eine oder andere Blick in den Sarg nicht vermeiden. Die Verblichene zeigte zum allgemeinen Erstaunen aller Anwesenden eine auffallend gesunde Gesichtsfarbe.

Man rief nach Doktor Jodstein, der herbei eilte und tatsächlich feststellte, dass die Frau noch am Leben und nur scheintot gewesen war, zumal sie sich aufrichtete und lautstark verkündete, dass ihr dürste.

Es erfolgte eine kleine Planänderung dahingehend, dass Almatine Hobelsam an dem Leichenschmaus teilnahm. Alle waren vergnügt, bis auf Doktor Jodstein; - aber der konnte die bohrenden Blicken der Anwesenden alsbald besänftigen, indem er einige Runden guten Schnaps spendierte.

Das Leben ging in Darenwede wie gewohnt weiter, Hendrik Hobelsam lagerte den Sarg im Keller ein, ging in seiner wieder ungeheizten Werkstatt seinem Beruf nach und einmal die Woche zum Kegelschieben.

Es hätte noch lange so weiter gehen können, wenn Almatine Hobelsam ihrem Gatten nicht ständig in den Ohren gelegen hätte, dass er zu wenig arbeiten würde, zu wenig Geld ins Haus brächte, zu viel tränke und zu oft in den Grünen Jäger zum Kegelschieben ginge.

Als er einige Monde später eines nachts vom Kegelschieben heimkehrte, hub Almatine wie üblich an zu schelten und zu fluchen. Hendrik indes blieb ganz ruhig und trank nach jeder Beschimpfung einen Schnaps.

Das brachte Almatine derart in Rage, dass sie ihre Beschimpfungen steigerte, rot anlief, sich an Brust und Hals griff und auf das Sofa in der guten Stube fiel, auf dem sie reglos liegen blieb.

Derartiges hatte sich bereits einige Male im Hause Hobelsam abgespielt, doch stets war Almatine nach kurzer Zeit wieder aufgestanden und hatte ihre Schimpftiraden fortgesetzt, bis die kleinen Vögel draußen ihre Morgenlider zu Gehör brachten. Zu diesem Zeitpunkt gingen die Eheleute Hobelsam dann ins Bett ohne sich jedoch zu versöhnen.

Doch diesmal wich die Röte aus dem Antlitz Almatines und ihr Atem wurde schwächer bis er ganz erstarb.

Voller Sorge um seine Gattin rief Hendrik wiederum nach Doktor Jodstein, der eilte herbei, untersuchte die Frau des Schreiners auf das Sorgfältigste und stellte wiederum den Totenschein aus. Um ganz sicher zu gehen, zog man noch den Arzt vom Nachbarort hinzu, der Doktor Jodsteins Diagnose bestätigte.

Aus Hendrik Hobelsams Augen quoll manche Träne, als er sich abermals auf den langen Weg der Instanzen machte, um seine Gemahlin mit Sittsamkeit und in allen Ehren unter die Erde zu bringen.

Bevor man die sterblichen Reste seiner Frau Gemahlin abermals in den Sarg legte, polierte Hendrik ihn mit einer erlesenen Politur aus echtem Bienenwachs und einigen anderen exquisiten Ingredienzien, um dem Sarg einen feinen, seidenweichen Glanz zu verleihen. Zudem versah er den Deckel des Sarges mit Verschraubungen aus poliertem Messing, welche in der Sonne glänzten wie pures Gold.

Doch am Morgen des Tages, als man die verblichene Almatine Hobelsam in dem Sarg mit dem Pferdefuhrwerk erneut auf dem holperigen Sandweg zum Friedhof bringen sollte, sah man Hendrik Hobelsam, wie er auf jenem Wege stand, und die Schlaglöcher gemeinsam mit Henriette Blütenschön mit Bauschutt und Sand sorgsam zuschaufelte.


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