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Hagen van Beeck

Die schönsten Darenweder Geschichten

Alle Rechte und Pflichten beim Autor: Hagen van Beeck, Bremen
hagen.vanbeeck@nord-com.net

Die Hexe und der Schuster

Am nördlichen Stadtrand Darenwedes lebte der Schwarze Herman . Seinem Gewerbe nach war er ein ehrbarer Schuster. Unten im Keller, im Gesindehaus eines reichen Bauern hauste er für kleinen Mietzins, ein armer Mann war er. Von großer Gestalt, mit schwarzem, struppigen Vollbart, der fast das ganze Gesicht bedeckte, sah er zum Fürchten aus. Wenn ein Kind nicht essen, nicht schlafen, nicht ruhig, nicht fleißig, kurz nicht brav und folgsam sein wollte, hieß es: »Warte nur, der Schwarze Herman wird kommen!«

Niemand kannte er näher, niemand wollte ihn näher kennenlernen. Wochentags saß er auf seinem Dreifuß. Mit Hammer und Ahle arbeitete er emsig, zwischendurch die gläserne Schusterkugel ausrichtend, damit sie das spärliche Sonnenlicht auf seinen Tisch bündele, das durch das winzige Fenster schien, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht. Wenn ihm sein Huhn ein Ei legte, gab es dieses des Morgens mit einem Kanten Brot. Mittags bereitete er sich ein Mahl aus Bohnen und Kraut, und des Abends begnügte er sich mit einem Kanten Brot und Schmalz. Altes Schuhwerk wurde ihm zum Flicken gebracht, deshalb fanden nur Groschen den Weg in seine Tasche.

Am südlichen Stadtrande Darenwedes lebte zur gleichen Zeit Martha die Hexe . Martha die Hexe bewohnte ein winziges Häuschen, eher eine Kate, zwischen dem Dorf – derzeit war Darenwede noch ein Dorf - und dem Darenwedeler Holz. Sie war kräuterkundig und wurde gerufen, wenn jemand krank danieder lag und Quacksalber, Scharlatane und Ärzte mit ihrer Kunst am Ende waren.

Martha die Hexe eilte stets herbei. Von großer, etwas gebeugter, doch kräftiger Gestalt, leicht gebückt und mit gewichtigem Schritt. Ihre brandroten, wild zerzausten, struppigen Haare leuchteten im Mondenschein.

Sie rieb Wurzeln und Pilze, kochte Beeren und zermalmte Kräuter, die sie unter Gezeter und Gefauche zu übel riechenden Salben und Tinkturen vermengte. Derlei bestialische Medizin verabreichte sie den Kranken mit Geschelte und Gekeife. Diese gaben nicht selten kurz darauf aus allen Körperöffnungen abscheuliche Flüssigkeiten von sich und schüttelten sich eine Nacht mit der Kälte eines Fisches, der sich zum Sterben auf das Land geworfen hatte , und zwei Nächte lang in großer Hitze . In der folgenden Nacht jedoch erhoben sie sich stets von ihrer Bettstatt und verlangten nach einem Topf Fleisch, einem Krug Bier sowie einem Weibe.

Der dritte Wunsch wurde allgemein nicht sonderlich gern gehört und vom Pfarrer von Grund auf verdammt. Man nahm dieses zum Anlass, das Entgelt für die Heilung kümmerlich ausfallen zu lassen, sodass in die Tasche Marthas der Hexe auch nur Groschen wanderten.

Fluchend und schimpfend nahm Martha die Hexe das verbliebene Remedium stets wieder an sich und lud es auf ihren kleinen, zweirädrigen Handkarren. Die Woche über ging sie in den Darenwedeler Holz um die Ingredienzen für Arzneien und Tinkturen gegen Schmerzen jeglicher Art , das Zipperlein, röchelnden Atem und stinkende Füße zu sammeln.

Diese karrte sie nach Barrenwede wenn Pferdemarkt war und bot sie dort mit viel Geschrei und Gekeife für kleines Geld feil. Wenn jemand mehrmals an ihrem Karren vorbei ging und nichts kaufte, konnte es passieren, dass Martha die Hexe ihn bespuckte. Der Marktvogt drohte ihr an, sie mit fünf Groschen Strafe zu belegen, sollte sie weiterhin ein loses Maul führen.

An dem Abend, an dem diese Geschichte beginnt, hatte Martha die Hexe auf wundersame Weise all ihre Arzneien, Kräutleins und Tinkturen verkauft, ihre sauer verdienten Groschen einem Knaben in die Hand gegeben und ihm befohlen, ihm vom nahen Krugwirt Schnaps zu bringen. Sollte er mit dem Gelde durchbrennen, würde ihr Fluch auf ihn fallen wie eine alte Eiche, die von den machtvollen Axthieben dreier Holzknechte gefällt worden war. Der Knabe tat voller Angst wie geheißen und brachte ihr den Schnaps.

Martha die Hexe trank den Fusel. Es war mehr als ihr gut tat, mehr als sie vertragen konnte, und alsbald legte sie sich unter ihren Karren und schloss die Augen zu bleischwerem Schlaf.

Ähnlich erging es dem Schwarzen Herman . Er hatte die Schuhe, die ihm zur Reparatur gebracht, jedoch nicht abgeholt worden waren, in eine aus Baumrinde gefertigte Tragbutte getan, war an diesem Tage auch zum Pferdemarkt gegangen, hatte sich am anderen Ende des Marktes wie Martha die Hexe niedergelassen und dieses Schuhwerk verkauft. Mit dem Ertrag in der Tasche war er zum Krugwirt gegangen und hatte den Erlös seiner Armseligkeiten vertrunken.

Als der Krugwirt die Lichter zu löschen und die Tür zu schließen gedachte, trugen zwei Rosstäuscher, die an diesem Tage gute Geschäfte gemacht hatten, den Schwarzen Herman vor die Tür um ihn der heilsamen Nachtluft auszusetzen.

Als sie jedoch des Karrens ansichtig wurden, der einsam auf dem verlassenen Pferdemarkt stand und sich scharf von dem runden, blutig roten Mond über Barrenwede abhob, kam ihnen der Schabernack in den Sinn, den trunkenen Schuster darauf zu legen. So taten sie, eine alte Decke, die in dem Karren lag, warfen sie darüber.

Unbemerkt von Martha der Hexe , ungesehen von den reglos stehenden Pärchen, denn die Liebe geht um, wenn der Mond blutig rot über Darenwede und Barrenwede steht; - so jedenfalls sagt man.

Doch als sich die Sonne am nächsten Morgen über den Horizont hob, tat sich auf dem Gelände des Pferdemarktes zunächst gar nichts. Erst als ein Kolkrabe seine Notdurft im Vorbeiflug auf die Stirne der Hexe verrichtete, wurde diese wach und schickte dem Vogel einen ellenlangen Fluch hinterher. Einen Spatzen, eine Meise, gar eine Elster hätte der Fluch zum Absturz gebracht; - nicht aber den Kolkraben!

Der ging auf einem Zaunpfahl nieder, warf den Kopf in den Nacken und lachte, wie nur Kolkraben lachen können. Das wiederum brachte Martha die Hexe in eine derartige Wut, dass sie die Griffe ihres Karrens packte und sich ungedenk ihres plumpen Kopfes und ihrer schwerfälligen Glieder nach Darenwede in Bewegung setzte. Die Hexe schob ihren Karren, sie spürte nicht die Last, rumpelte über Steinbrocken und Erdfuchen und verfluchte alles Getier, das Federn hatte.

Keifend und scheltend kam sie bei ihrem Häuschen an, als sich die Sonne wieder auf den Wipfeln der Bäume nieder ließ. Martha die Hexe wollte schlafen, nur noch schlafen, bis sich die dumpf kollernden Steine in ihrem Kopf aufgelöst hatten. Sie schalt sich eine Närrin, dass sie alle Tinkturen gegen Schmerzen jeglicher Art verhökert hatte und sie stieß ihren Karren gegen die Stufe vor ihrer Haustür, dass die Griffe hochschnellten und der trunkene Schuster herausfiel. Ohne wach zu werden kollerte er auf die Erde.

»Der Teufel! Der Teufel! Ich hätt' den Schnaps nicht trinken sollen«, schrie Martha die Hexe voller Erschrecken, doch dieser Schrei fuhr ihr selber wie ein giftiger Dornbusch durch den Kopf. Sie bekreuzigte sich drei Mal und eilte zum Brunnen.

Kaltes Wasser!

Kaltes, klares Wasser hilft immer. Gegen den Teufel, böse Mächte und alles was von Übel ist auf dieser Welt. Wenn man leben, wenn man sterben will. Wasser hilft wenn keine Kräuter und Tinkturen zur Hand sind.

Martha die Hexe schwang die Wippe, zog den Eimer heraus und goß sich Wasser über Kopf und Glieder, sie ließ es fließen und füllte noch einen Bottich mit kaltem Wasser, den sie zu der leblos am Boden liegenden Gestalt schleppte. Da sie diese genauer betrachtete, stellte sie fest, dass es der Teufel nicht sein konnte. Kein Pferdefuß, kein Schwanz, keine Hörner!

Ein Mann lag vor ihr auf dem Boden, ein richtiger Mann mit schwarzem Bart und breitschultriger Gestalt!

Sie goß den Bottich voller Wasser darüber. Entschlossen, den Mann am Boden zu erwecken, füllte sie den Bottich erneut und ergoss das Wasser über Kopf und Brust des Mannes.

Der kam langsam wieder zu sich, doch glaubte er, in einen Wasserfall gestürzt zu sein.

»Hört's denn gar nicht auf...«. Gurgelnd spie der Schuster einen Schwall Wasser aus. Martha die Hexe sprang zur Seite.

»Undankbarer Kerl! Weil du wieder lebst musst du nicht sogleich ein loses Maul führen! Du Saufaus, du Trunkenbold!«

Wütend war Martha die Hexe , zornig und ergrimmt. Sie spuckte, trat nach dem armen Mann und schrie: »Geh mir aus den Augen! Du Wildschwein, du schwarzes!«

Doch der Schwarze Herman dachte nicht daran. In voller Größe und Selbstherrlichkeit blieb er lang ausgestreckt am Boden liegen und freute sich, dass sich endlich mal ein Mensch um ihn kümmerte, auch wenn dieser nur keifte und spuckte.

Doch als Martha die Hexe abermals zum Tritt ausholte, richtete er sich auf, fasste ihr gebieterisch an die Rockfalten und riss sie zu sich. Noch war sie nicht wieder ganz bei Sinnen, sie taumelte gegen ihre Haustür und diese flog krachend auf. Des Schwarzen Hermans Griff an den Rock wurde zur innigen Umarmung, und weil Martha die Hexe nur ein Bein am Boden hatte, schlugen beide in der Stube lang hin, und weil sie beide ihre Köpfe dabei an der Tischkante stießen, ließ sich nochmals eine Dumpfheit in ihren Köpfen nieder, die sie erst verließ, als die Sonne hoch über dem Darenwedeler Holz stand.

»Warum hast du mich wieder zum Leben erweckt, du Scheinheilige?« fragte der Schwarze Herman als er wieder zu sich selber kam und Martha die Hexe in seinen Armen fand; - mit nie gekanntem, milden Lächeln auf der Lippe. Die hingegen fragte sich, ob fleischliche Sünde vorgefallen war, denn ihr Rock war hochgerafft bis zum Busen, und als der Schwarze Herman sein Beinkleid richten wollte, fand er dieses runtergelassen bis zum Knie.

Voller Entsetzen fuhren beide in die Höhe und richteten ihre Kleidung, dabei fiel dem Schwarzen Herman ein Groschen, der sich in einer Falte seines Mantelsacks versteckt hatte, aus der Tasche. Den warf er der Hexe auf den Tisch und sagte:

«Bereite etwas zu Essen, Weib! Mich hungert's und dürstet's.«

Mit jedem anderen hätte Martha die Hexe gescholten, geflucht, gekeift – doch sie tat wie geheißen, sie schwieg, nahm den Groschen und begann aus Schaffleisch und Kohl ein Mahl zu bereiten.

Als sie zum Brunnen eilte, Wasser zu holen, wurde sie eines Spatzenwurzes ansichtig, der in der vergangenen Nacht seine Blätter entfaltet hatte.

»Da mag doch der Teufel drein gefahren sein«, dachte die Hexe; - war ihr doch das Rezept für einen Liebestrank in den Sinn gekommen, welches ihre Großmutter ihr verraten hatte. Oft schon hatte sie es für ihre Kunden zur Anwendung gebracht, doch nie erfahren, ob es wohl geraten war.

»So werd' ich's selbst probieren«, sprach sie zu sich und warf solange mit Steinen nach den Tauben, die auf dem Dach ihres Häuschens gurrten und turtelten, bis eine von diesen tot zu Boden fiel. Aus der Taube bereitete sie eine Brühe und fügte Nelken, Lorbeersamen, Distel sowie den Spatzwurz hinzu.

Derweil saß der Schwarze Herman auf dem einzigen Stuhl im Haus und erfreute sich des Lichtes, das die Sonne verschwenderisch durch das Fenster auf den Tisch ergoss. Als Martha die Hexe die Speise auf den Tisch brachte, ging sie zuvor den Bottich holen, drehte ihn um und nahm auf diesem Platz. Sie langten zu und ließen es sich munden, die Hexe und der Schuster. Beide konnten sich nicht erinnern, jemals ein köstlicheres Mahl zu sich genommen zu haben.

Und die Hexe reichte dem Schuster den Liebestrank, den sie gebraut hatte, und der Schuster leerte den Krug in einem Zug.

»Nun denn«, sprach der Schwarze Herman nachdem sich beide noch einmal die Finger geleckt und gerülpst hatten, um den Nachgeschmack zu genießen, »leihe mir deinen Karren für kurze Zeit!«

»Was willst du denn mit meinem Karren?«

»Du wirst's schon sehen«, antwortete der Schwarze Herman . Er war kein Mann großer Worte, und als Mann der Tat packte er den Karren bei den Griffen und schob ihn zu seinem Keller.

Zwischenher räucherte die Hexe ihr winziges Schlafgemach mit Blättern und Früchten des Brombeerstrauches, und sie fügte süßduftende Kräuter hinzu, Majoran, Sumpfstaude, Minze, Thymian, Baldrian und Veilchen, viel Veilchen, denn diese waren der Venus heilig und sie fügte Basilikum und Ginster hinzu, welche dem Mars geweiht waren.

Derweil war der Schuster bei seiner Behausung angelangt. Hämmer, Ahle, Pfriemen, Zwirn, Lederstücke, Rindertalg... kurz, seine vollständige Habe verlud er auf den Karren, legte seine Wolldecke darauf und auf diese wie eine Krone seine Schusterkugel. Einer vorübereilenden Dienstmagd trug er auf, seiner Kundschaft mitzuteilen, dass sie ihn hinfort bei Martha der Hexe aufzusuchen hatte. Die Magd lachte schrill auf, bekreuzigte sich und ging kichernd weiter ihrer Arbeit nach, während derer sie mit Gekicher die Neuigkeit verbreitete.

Der Schwarze Herman jedoch ließ es sich nicht verdrießen, er machte sich auf den Weg zum Häuschen der Hexe. Flügelschlagend, gackernd und hin und wieder ein Korn vom Boden pickend folgte ihm sein Huhn. Das hätte es besser nicht tun sollen, denn kaum dass die Hexe des Huhns ansichtig geworden war, hackte sie ihm den Kopf ab, rupfte es und nahm es aus; - konnte sie doch keine Tiere mehr leiden, die ein Federkleid trugen.

Während der Schwarze Herman seine Habseligkeiten ins Haus schaffte und seine Werkzeuge auf dem Tisch ausbreitete, feuerte Martha die Hexe ihren Herd erneut an und schob das Huhn in die Bratröhre.

Zweimal am Tage Fleisch!

Der Schwarze Herman konnte sein Glück nicht fassen, zumal ihm Martha die Hexe in der folgenden Nacht die Beiwohnung gestattete.

Doch Martha die Hexe verließ die Bettstatt vor dem ersten Hahnenschrei blümerant in der Herzgegend, hatte sie sich doch mehr von dieser Nacht versprochen.

Sie ging in den Wald, entsann sich der Rezepte ihrer Großmutter und kehrte mit Fasaneneiern zurück, die sie zusammen mit wilden Erdäpfeln zu einem wohlschmeckenden Frühstück auf den Tisch brachte. Saubrot hatte sie gemörsert, sieben Mal mit dem vierten Finger ihrer linken Hand umgerührt und hinzugefügt, ebenso Hauslauch, der auf ihren Dachziegeln gewachsen war, und Immergrün von der Schattenseite ihres Häuschens.

»Es stärkt die Kraft des Mannes, der dir zu Füßen lag«, hatte ihre Großmutter ihr dereinst verraten, »gib es ihm in die Speise des Morgens und ihr werdet in ewiger Liebe verbrennen wenn sich der Mond drei Mal gerundet hat!«

Der Schwarze Herman war es gewohnt, beim ersten Licht des Tages mit der Arbeit zu beginnen, und so verfuhr er auch an diesem Tage. Bei gutem Licht flog der Zwirn nur so, die Durchnähahle fand wie von selber ihren Weg, und alsbald standen die Schuhe, die ihm zur Reparatur gebracht worden waren, fertig und von frischem Rindertalg glänzend da.

Als einer der Bauern seine Schuhe selbst abholen kam, und sogleich über die Füße zog, rügte er den starken Druck des Schuhwerks auf Zehen und Ferse.

»Da weiß ich Abhilfe«, sprach Martha die Hexe , flocht behende zwei kleine Matten aus Salbei, Fenchel und noch einigem Beiwerk, legte dieses in die Schuhe und verschwand mit diesen hinter dem Hause.

Alsbald kehrte sie zurück, hieß den Bauern das Schuhwerk anzulegen, ein Ave Maria, drei Vaterunser zu beten und ihren Brunnen hernach sieben Mal zu umschreiten.

Der Bauer tat wie geheißen und entfernte sich sodann federnden Schrittes; - nicht ohne Martha der Hexe zuvor zwei Groschen zugesteckt zu haben.

Dem Schwarzen Herman fiel vor Verdutzen der Kiefer herunter. Derartiges hatte er noch nie gesehen, er konnte sich nicht vorstellen, dass es Solches gibt. Schuhe drückten stets, und Blasen, nun ja, sie vergingen wieder wenn man sie aufstach. Es war halt so.

Es musste nicht so sein, denn als der nächste Kunde – ein Knecht diesmal - seine Schuhe abholen kam, verfuhr Martha die Hexe auf die gleiche Weise.

Ein beglücktes Lächeln schmückte des Knechtes Lippen als er den Brunnen sieben Mal umschritten hatte. Doch als der Knecht der Hexe einen Groschen zwischen ihre Brüste im Mieder steckte, regte sich bei dem Schwarzen Herman ein bisher unbekanntes Empfinden. Es verdross den Schuster sehr, dass ein anderer Mann die Martha berührt hatte, und er drohte dem Knecht schwere Prügel an, sollte er eine derartige Handlung jemals wiederholen, ja sich seiner Martha auch nur um weniger als einen Schritt nähern.

Der Knecht jedoch fühlte sich in dem ungewohnt geschmeidigen Schuhwerk viel zu behaglich um dem Schuster eine Maulschelle zu verabreichen und entfernte sich ebenfalls federnden Schrittes.

Nun war es an der Hexe für Frieden zu sorgen. Sie drückte dem Schwarzen Herman drei klingende Münzen in die Hand und wies ihn an, ins Dorf zu gehen um Fleisch zu kaufen, und Zwiebeln, und Kohl, und sollte es noch reichen, einen Krug Bier.

Der Schwarze Herman tat wie geheißen; - doch kehrte er erst des Nachts zurück. Schweinernes hatte er mit, Kohl, Zwiebeln und einen Krug. Der hatte Bier enthalten, doch als sich der Schuster zu der Hexe in die Bettstatt legte, war dieser leer.

»Männer«, seufzte die Hexe als sie den Schuster auf sich spürte, »so sind sie halt...«, und sie öffnete ihre Schenkel...

Als sich der Schwarze Herman des nächsten Morgens auf seinem Dreifuß an die Arbeit setzen wollte, zerrte ihn die Martha zum Brunnen und tauchte seinen Kopf in kaltes, klares Wasser. Der Schwarze Herman wollte es zunächst nicht leiden, doch Martha die Hexe drohte ihm an, zu schelten und zu keifen, dass ihm die Ohren klingen. Da ließ er's geschehen. Er ließ geschehen, dass sie ihm die Haare schnitt und den Bart stutzte, harten Schusterleim von den Händen riss und an der Stelle, an der der Schöpfer den Menschen gespalten hatte, ein Konglomerat aus Blütenköpfchen von Chrysanthemen und Ingwer in Fliedersalbe auftrug, welche jegliche Sudelei fortbringen sollte. Das etwas von dieser Mengung wie von Ungefähr an Hermans Männlichkeit geriet, geschah wie zufällig.

Alsbald stand er vor ihr wie der Schöpfer ihn geschaffen hatte, von weißer Hautfarbe, weiß wie die Unterseiten von Marthas Brüsten, die die Sonne nie gesehen hatten.

»Gut siehst du aus«, sprach Martha die Hexe , »von Haarschmuck, Spitzbart und Gestalt bist du nicht vom Prinzregenten zu unterscheiden. - Doch nun eile ins Haus. Ein Brinksitzer nahet um sein Schuhwerk.«

Herman eilte flugs ins Haus. Der Brinksitzer hieß Martha der Hexe seine reparierten Schuhe derart schmiegsam zu machen, dass er sowohl auf dem Tanzboden als auch auf dem Acker leichten Fußes sein werde . Als die Hexe mit dem Schuhwerk hinter das Haus geeilt war, wurde sie nicht gewahr, dass der Schuster sie beobachtete.

Als dieser nunmehr sah, dass sie ihre kleine Notdurft in die Schuhe verrichtete, konnte er sich eines breiten Grinsens nicht erwehren.

Das geschah den Menschen recht, in der Seiche einer Hexe einherzuschreiten!

Hatten sie ihn doch bislang schändlich behandelt, ihm den Lohn für seine Arbeit hingeworfen und ihm nicht gestattet, beim Kegelschieben im Gasthaus zum grünen Jäger dabei zu sein.

Als auch der Brinksitzer federnden Schrittes gen Darenwede eilte, schickte ihm der Schwarze Herman ein Lachen hinterher, das von Martha der Hexe dahin gedeutet wurde, dass er voll der Freude über seine nunmehr verlockende Erscheinung war.

Diese bestätigte er des Nachts; - in Unwissenheit dessen, dass eine Tinktur aus Blütenköpfchen von Chrysanthemen und Ingwer in Fliedersalbe an rechter Stelle aufgetragen, die Manneskraft ungemein fördert. So sprach dereinst die Großmutter von Martha der Hexe , doch diese hatte bislang noch keine Gelegenheit gehabt, die Wirksamkeit dieser Rezeptur am eigenen Leibe zu erfahren.

Sie fand es bestätigt, als der kleine Tod sie küsste...

Nun, es sprach sich in Bälde herum, dass Martha die Hexe und Herman der Schuster Schuhwerk zu fertigen in der Lage waren, das gar wohl um die Füße lag, nicht drückte und keine Blasen verursachte; - kurz, sich feinfühlig um die Füße legte wie eine junge Braut um den Leib ihres Mannes im Brautbett, welche seine Wünsche erspürte, bevor er sie mit heißem Atem auszusprechen in der Lage war.

Selbst die Maiden brachten ihr Schuhwerk, welches nach einigen durchtanzten Nächten auf manchem Fest in Darenwede und Umgebung verschlissen war, zum Schwarzen Herman , zeigten ihre wund geschürften Füße Martha der Hexe und baten verschämten Blickes um Heilung.

Martha die Hexe schritt stets zur Tat, sie salbte die Füße und behandelte das von 'Ihrem Herman' reparierte Schuhwerk auf gewohnte Weise, indem sie zwei kleine Matten aus Salbei, Fenchel und noch einigen Zutaten in die Schuhe legte, kurz hinter ihrem Haus verschwand, sodann dem Mädel das Schuhwerk anzulegen befahl, ebenso ein Ave Maria, drei Vaterunser zu beten und ihren Brunnen hernach sieben Mal zu umschreiten.

Gar manches Mädel, so sagt man, soll folgend wegen ihres reputierlich anzuschauenden Ganges zu guter Partie gelangt sein.

Nun, auch Martha die Hexe änderte ihr Gebaren, ihr Haar trug sie nicht mehr wild zerzaust und struppig, sondern ließ es in milden Wellen um die Schultern fließen, und wenn man sie zu einem Kranken rief, band sie es zu einem scharfen Knoten am Hinterkopf. Am Krankenbett, an dem man sie bislang nur keifend und scheltend kannte, bereitete sie ihre wundersamen Salben, Tränke und Tinkturen, ein Liedlein summend, zu.

Aufrecht schritt sie fortan einher, mit resolutem Blick verabreichte sie dem, der erbarmungswürdig danieder lag, ihre heilsamen Medizinen. Die Wirkungen dieser waren wie vor dem Tage, als sie den Schwarzen Herman zwei Monde voraus an ihrem Haus vom Karren gekippt hatte, und die Entlohnungen für ihre wundersamen Heilungen fielen deutlich besser aus.

Ähnlich erging es auch dem Schwarzen Herman nur dass man ihn nicht mehr so nannte.

»Geh' Herman, richt' mir bitte mein Schuhwerk,« hieß nun, »und sag' der Martha, sie möge es mir geschmeidig machen.«

Das Lächeln, dass nach solch einem Auftrage über des Schusters von der Martha sorgsam gepflegtem Spitzbart erschien, schrieb man seinem nunmehr heiteren Gemüte zu.

Und das hatte er fürwahr gefunden, sogar beim Kegelschieben konnte man ihn hin und wieder antreffen.

Da das Licht tagsüber reichlich von der Sonne gespendet auf seinen Arbeitsplatz floss, brachte Herman der Schuster seine Schusterkugel über der Tür des Häuschens an, in dem er nunmehr tätig war, um auch dem ortsfremden Wanderer anzuzeigen, wo er sein Schuhwerk richten lassen konnte. Vermehrt wurden ihm mehr oder weniger verschlissene Schuhe gebracht, und man verlangte, dass die Rote Martha , so nannte man sie indes, sie schmiegsam und federnd machen solle.

Es gab Tage, da die Rote Martha ihre Latrine nicht ein einziges Mal aufsuchte, und an denen des Schusters Durchnähahle heißzulaufen drohte...

Nun, währe diese Erzählung ein Märchen, endete es hier mit den Worten: "Sie lebten beisammen, die Hexe und der Schuster, sie liebten einander, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute."

Doch diese Erzählung ist das Resultat zahlreicher, nächtelanger Recherche, sie soll der Tatsächlichkeit entsprechend fortgesetzt sein:

Kurz bevor sich der Mond erneut rundete, sprach ein reicher Bauer Darenwedes der Roten Martha den Auftrag aus, ihm einen Trank zu brauen, den er seinem Weibe einzuflößen gedachte, damit sie sich nicht weiterhin dem 'Mitternächtlichen Hochgefühl' entzöge.

Nun war Eile geboten, den jegliches Gewächs entfaltet seine Kräfte kurz bevor der Mond sich rundet. Auf der Suche nach Saubrot, welches sich bei ihrem Herman bereits bewährt hatte, drang die Rote Martha tiefer in den Darenwedeler Holz ein, als sie es üblich zu tun pflegte.

Alsbald wurde sie der Lichtung gewahr, in der der Pfarrer Darenwedes dereinst die fünfhundert leeren Flaschen vergraben hatte, die den Messwein beinhaltet hatten, welcher damalig für Frieden sorgte, als es zum Tumult in der Kirche gekommen war. Der geneigte Leser mag sich erinnern.

Doch als die Rote Martha eben dieser Lichtung gewahr wurde, ruhte sich lediglich das Mondlicht auf ihr aus. Im übrigen standen dort Pilze und reckten sich dem roten Licht des Mondes entgegen, Pilze welche die Rote Martha noch nie geschaut hatte. Gelb waren sie, rötlich gelb, glänzend und verlockend, ein Kreuz war auf ihrem Buckel, und der Duft der Pilze war betörend.

Die Rote Martha konnte nicht umhin, einen dieser Pilze zu brechen und zu verkosten. Den Ratschlag ihrer Großmutter, niemals von einem Pilz zu naschen, dessen Wirkung sie nicht gewiss war, schlug sie in den Wind, und das schaurige »tu's nie...« einer Eule, die im Wipfel einer der Bäume, welche die Lichtung säumten, verharrte, missachtete sie.

Gar wohl schmeckte ihr der Pilz mit dem Kreuz auf dem Buckel, würzig wie der Wein aus Judäa, und alsbald spürte sie ein warmes Empfinden zwischen ihren Lenden.

Die Rote Martha brach daraufhin die sieben Pilze mit den prächtigsten Kreuzen, eilte nach Hause, trocknete und mörserte sie. Sie war guten Willens, als sie ihren Herman aus dem Schlaf küsste und ihm drei Löffel dieses Absuds verabreichte. Sie selbst nahm auch die gleiche Dosis zu sich und harrte dessen, was da kommen sollte.

Und es kam!

Zögernd zunächst und dann mit der Kraft, die Messwein, und der Blutmond, der nunmehr über dem Darenwedeler Holz stand, aufzubringen in der Lage sind. Gewaltig war's, das Häuschen erbebte, selbst Schuhe, die noch nicht repariert waren, tanzten umeinander, und die Elfen, die vorsichtig, von Neugier getrieben aus dem Walde lugten, ließen ihre Hände vorsichtig zwischen ihre Schenkel wandern.

So kam es, dass die Rote Martha und Herman der Schuster zu der Zeit, als die Sonne den Tau von den Gräsern zu küssen begann, auf ihrer Bettstatt lagen; - außerstande sich zu bewegen.

Und als die Sonne weiterhin auf ihrer Bahn einherwandelte, geschah es, dass sie ihr güldenes Licht derart in des Schusters Kugel zu scharfem Strahl bündelte, dass dieser die Haustür in Brand setzte. Ungehindert setzte das Feuer sein abscheuliches Werk fort. Alsbald stand das Häuschen derart in Flammen, dass keine Hilfe mehr durchführbar war.

Als sich die letzten Rauchschwaden von den zusammenstürzenden Balken des Häuschens, in den sich die Rote Martha und Herman der Schuster bis zuletzt geliebt hatten, lösten und in den Himmel gestiegen waren, fand man die beiden; - eng umschlungen und in immerwährendem Schlaf vereint; - verbrannt in ewiger Liebe...


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